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„Ein menschliches Drama“ – Woidke, Liedtke und Nooke erinnern in Lenzen an Vertreibungen bei der Schließung der innerdeutschen Grenze vor 70 Jahren

Pressemitteilung der Staatskanzlei, des Landtags Brandenburg und der Aufarbeitungsbeauftragten

- Erschienen am 27.05.2022

Ministerpräsident Dietmar Woidke hat die Enteignung und Vertreibung von 10.000 Menschen bei der Schließung der innerdeutschen Grenze vor 70 Jahren durch die DDR-Regierung als „menschliches Drama“ bezeichnet. Woidke hielt heute bei der Zentralen Gedenkveranstaltung „Vom Todesstreifen zum Grünen Band“ in Lenzen im Landkreis Prignitz die Gedenkrede. Dazu eingeladen hatten neben Woidke die Präsidentin des Landtags Brandenburg, Ulrike Liedtke, und die Beauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur, Maria Nooke. Umweltminister Axel Vogel erläuterte auf der Veranstaltung den Beschluss der Landesregierung, den 30 Kilometer langen brandenburgischen Streifen entlang der einstigen Grenze und des heutigen „Grünen Bandes“ zum „Nationalen Naturmonument“ zu erklären.

Woidke sagte in seiner Rede:

„Mit der Errichtung von massiven Anlagen wurde die Grenze zwischen beiden deutschen Staaten endgültig undurchlässig. Bindungen zwischen den Menschen hüben und drüben wurden gekappt. Heute stehen Erinnerung und Gedenken im Mittelpunkt. Wir wollen Leid und Unrecht ins Gedächtnis rufen. Wir wollen auch nicht die Menschen vergessen, die an der Grenze zu Tode kamen. Beim Fluchtversuch verloren allein im Prignitzer Grenzabschnitt 18 Menschen ihr Leben.“ Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine betonte Woidke: „Wir verbinden das Gedenken heute mit dem klaren Bekenntnis zu einem friedlichen, demokratischen und selbstbestimmten Zusammenleben in Europa.“

Anlässlich der Veranstaltung erklärte Landtagspräsidentin Liedtke:

„Selbstschussanlagen, Landminen, Kettenhunde, Sperrgitter, Betonmauern, Wachtürme, Suchscheinwerfer, Soldaten mit scharfen Schusswaffen im Todesstreifen und noch eine kilometerbreite Sperrzone mit verlassenen Dörfern– so sah die Grenzsicherung der DDR aus. Sie war unmenschlich, und sie richtete sich anders als behauptet gegen die eigene Bevölkerung. Am Anfang standen die Abriegelungsmaßnahmen vor 70 Jahren, beschlossen von der DDR-Regierung; den Schlusspunkt der Abschottung nach innen bildete der Bau der Berliner Mauer. Mit der Grenzsicherung hat sich die SED-Führung moralisch in tiefes Unrecht gesetzt. Die Freizügigkeit der Bürgerinnen und Bürger ist eine europäische Errungenschaft, die wir nicht hoch genug schätzen können und niemals aufgeben dürfen – dafür steht dieser Jahrestag.“

Die Aufarbeitungsbeauftragte Nooke, die bei der Veranstaltung ein Gespräch mit Zeitzeugen moderierte, sagte:

„Es ist wichtig, dass bei der heutigen Erinnerung an das Unrecht, das mit der Schließung der Grenze vor 70 Jahren verbunden war, die Menschen im Mittelpunkt stehen, in deren Leben die bittere Erfahrung von Vertreibung aus der Heimat und die Stigmatisierung als Kriminelle nachwirken. Der Schmerz, dass das erlebte Unrecht so wenig von unserer Gesellschaft zur Kenntnis genommen wird, treibt viele der Betroffenen bis heute um. Deshalb ist es eine gesellschaftliche und eine politische Aufgabe, das Leid angemessen zu würdigen.“

Umweltminister Vogel betonte bei der Vorstellung des Nationalen Naturmonuments „Grünes Band Brandenburg“:

„Das erste Nationale Naturmonument in Brandenburg verbindet Erinnerungskultur mit Naturschutz und zeigt: Biologische Vielfalt kennt keine Grenzen. Für die Menschen bildete die innerdeutsche Grenze lange eine unüberwindbare Barriere. Heute reihen sich artenreiche Natur- und Kulturlandschaften, Gebirge und Flussauen aneinander und bilden in Deutschland einen unvergleichlichen Lebensraumverbund. Die Initiative ist ein europaweit herausragendes Erinnerungs- und Friedensprojekt, das Menschen miteinander verbindet und das Grüne Band zu einem lebendigen Denkmal macht.“

Ein Höhepunkt der Gedenkveranstaltung war die szenische Lesung „befriedet“ von Janet Hesse mit Musik von Dirk Bunte.

Die Veranstaltung wurde unterstützt vom Evangelischen Kirchenkreis Prignitz sowie dem BUND. Im Anschluss begann in Lenzen der 11. Elbe-Kirchentag unter dem Motto „Grenzenlos: Elbe“.